Warum wir Kreativität dringender brauchen als Effizienz

Wir alle brauchen Kreativität, Kreativität ist nicht mehr die Domäne von Künstlern, Spinnern oder Genies (war sie übrigens auch nie). Vielmehr brauchen wir alle zukünftig Kreativität als Superkraft – als Überlebenskompetenz.

Spotify führt ein Siegel ein, mit dem gekennzeichnet wird ob, es sich bei den Künstlern um echte Menschen handelt. Das ist irgendwie richtig bitter.Erkennen wir nicht, dass das Stück das wir gerade hören nicht von einem whiskygetränkten, kettenrauchenden Wahnsinnigen im Tour-Bus kurz vor Memphis auf dem Rücken eines Groupies gekritzelt, sondern von Kevin-Ole unter Kichern auf seinem Handy im letzten Drittel der Deutschstunde aus Udio herausgeprompted wurde?

Nein, das erkennen wir vielleicht noch. Noch! Es wird wirklich immer schwieriger, das zu erkennen. Neben dem KI-Slop der gefühlt täglich umfangreicher durch meine digitalen Plattformen wabert, kommen von Zeit zu Zeit erstaunlich gute Sachen bei den KI-Exzessen von “Experten, Content-Creatoren, Künstlern, Producern, Influencern, etc.” heraus.

Aber das hat doch nichts mehr mit Kreativität zu tun, oder?

Die Standard-Definition für Kreativität lautet immer noch: “Kreativität ist die Fähigkeit, etwas zu erschaffen, was neu oder originell und dabei nützlich oder brauchbar ist.” Das bietet Diskussionspotential – Insbesondere vor dem Hintergrund von Eurodance, Reality-TV oder LipSync-Videos.

Ich kann ja mal sagen, wie ich Kreativität sehe. Ich war über 30 Jahren in der Kreativbranche unterwegs. Ich habe mit herausragenden Kreativen gearbeitet – nicht nur mit Werbern, sondern auch mit Musikern, Malern, Schauspielern und sogar mit Menschen, die vorher nie von sich behauptet hätten kreativ zu sein.

Kreativität ist für mich ein Funke, eine Einstellung, eine Sichtweise, die Fähigkeit, sich nicht einschränken zu lassen, ein flüchtiger Moment, 1000 weitere Dinge und nicht zuletzt: harte Arbeit. Kreativität lässt sich ermöglichen, aber nicht erzwingen und sie lässt sich meiner Meinung auch nicht digitalisieren.

Der freshe Track der irgendwie nach Jan Delay klingt und ausreichend viel Groove mitbringt um mich mit dem Fuß wippen zu lassen, ist eben nicht Jan Delay, sondern das was die Datenbasis im Durchschnitt auf meinen Prompt hin aus den Schlüsselwörtern #Funk,#HamburgerHipHop, #Soul, #uptempo zusammenzergelt. Da hat niemand rumgespielt und plötzlich festgestellt, dass Bmoll7 und E7 derbe hintereinander abgehen.

Die Texte von mittlerweile 75% aller Beiträge die ich bei LinkedIn zu sehen bekomme, sind halt nicht das Ergebnis von “ganz viel nachdenken und das dann so aufschreiben, dass es sich unterhaltsam liest”, sondern – sorry Leute – absolut gleichgeschalteter Business-Kasper-Bullshit! Der wird übrigens auch nicht besser, wenn man von Nano Banana ein Artikelbild dazu erstellen lässt, damit der dünne Kaffee dann nicht nur irgendwie nach brand eins klingt, sondern auch ein bisschen so aussieht.

Wenn ihr einmal in einem Raum wart, in dem eine wirklich gute Idee entstanden ist, dann kennt ihr die Energie, die von so einem kurzen “Hey, wartet mal … wie wäre es denn, wenn…”- Moment ausgeht. Wenn eine Idee zur nächsten führt, wenn Worte sich plötzlich von selbst fügen, wenn Bilder vor den Augen aller Anwesenden entstehen. Und dann entsteht Flow! So sind Meisterwerke entstanden! Und das irre dabei: Deren Schöpfer waren nicht alle genial, hochtalentiert, geschweige denn Experten auf dem entsprechenden Gebiet … sie waren häufig nur zur richtigen Zeit am richtigen Platz mit dem richtigen Setting.

Ein solches Setting zu schaffen gehört unter anderem zum Zielbild unseres Modells der “Creating Organisation”. Ich habe selbst daran mitgearbeitet, in unseren Unternehmen diese Grundlagen zu schaffen und ich kann aus Erfahrung sagen: Nichts macht mir mehr Spaß als in einem Umfeld zu arbeiten, in dem meine Kreativität gefordert und gefördert wird. Einem Umfeld, dass das “sich ständig neu erfinden” zum Credo hat. Einem Umfeld, das eben deshalb so gut funktioniert, weil es Kreativität überall und immer zulässt.

Wir alle brauchen Kreativität, Kreativität ist nicht mehr die Domäne von Künstlern, Spinnern oder Genies (war sie übrigens auch nie). Vielmehr brauchen wir alle zukünftig Kreativität als Superkraft – als Überlebenskompetenz.

Wir leben gleichzeitig in mehreren Umbrüchen: KI verändert Arbeit und Wissen, die Klimakrise zwingt uns zum Umbau von Wirtschaft und Alltag, demokratische Systeme geraten unter Druck, und viele Menschen erleben die Welt als komplex, überfordernd oder festgefahren. Für viele dieser Probleme gibt es keine fertigen Antworten mehr. Genau dort beginnt Kreativität. Und genau dort setzt auch das Bild der Creating Organisation an.

Kreativität bedeutet nämlich nicht nur Kunst oder Werbung. Sie ist die Fähigkeit, überall neue Verbindungen herzustellen, Routinen zu hinterfragen und Möglichkeiten zu sehen, wo andere nur Grenzen sehen. Sie hilft uns, uns eine Zukunft vorzustellen, die noch nicht existiert — und sie dann konkret zu bauen.

Ohne Kreativität verwalten wir nur den Status quo. Mit Kreativität entstehen neue Technologien, soziale Modelle, politische Ideen, Geschäftsmodelle, Bildungsformen oder kulturelle Narrative. Gerade in Zeiten, in denen alte Gewissheiten verschwinden, brauchen Organisationen Menschen, die experimentieren können, Ambivalenz aushalten und aus Unsicherheit etwas Neues entwickeln.

Dazu kommt: Viele klassische Tätigkeiten werden automatisiert. Wissen allein verliert an Exklusivität, weil Maschinen es zunehmend reproduzieren können. Was schwer automatisierbar bleibt, ist originelles Denken — also Intuition, Kontextgefühl, Empathie, Humor, Vorstellungskraft oder kulturelle Interpretation. Kreativität wird dadurch vom „weichen Faktor“ zum eigentlichen Rohstoff moderner Gesellschaften.

Und vielleicht noch wichtiger: Kreativität erzeugt Hoffnung. Sie ist der Gegenentwurf zum Gefühl, dass alles alternativlos ist. Wer kreativ denkt, glaubt daran, dass Dinge veränderbar sind. Dass man Systeme umbauen, Geschichten neu erzählen und bessere Lösungen finden kann. In einer Zeit, die oft von Krisenerzählungen geprägt ist, ist das eine enorme gesellschaftliche Kraft.

Eine Welt ohne Kreativität wird effizienter — aber auch ärmer, starrer und zynischer. Eine kreative Welt bleibt beweglich, lernfähig und menschlich.

Post aus dem Ministerium für Möglichkeitsmanagement
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