Es gibt Fragen, die sich einem als Führungskraft sofort ins Herz brennen. Für mich war es diese eine:
„Würdest du dir selbst folgen?“
Als sie mir zum ersten Mal begegnete, musste ich ehrlich zugeben: Die spontane Antwort hat mich zutiefst erschüttert. Ich dachte, ich wäre ein guter Leader – aber diese Frage zwang mich zu einer ehrlichen Innenschau, die meine Sicht auf Führung komplett veränderte und zum Startpunkt einer tiefgreifenden Reise wurde.
Führung wirkt. Immer. Die unterschätzte Kraft des eigenen Verhaltens
Diese Frage war der Anfang eines tieferen Verständnisses, das sich mir nach und nach erschloss: Führung wirkt. Immer. Ob ich will oder nicht, ob ich gerade bewusst „führe“ oder einfach nur in meiner Rolle agiere – mein Verhalten sendet unaufhörlich Signale aus.
Und wisst ihr was? Diese Signale kommen beim Team an. Es geht nicht primär darum, was ich sage oder welche strategischen Weisheiten ich von mir gebe. Es geht darum, was ich vorlebe. Mir wurde in dieser Zeit sehr klar, dass die Kultur in einem Team oder einer Organisation nicht durch wohlformulierte Regeln an der Wand oder Hochglanzbroschüren entsteht. Sie entsteht durch die gelebten Routinen – und ganz besonders durch meine eigenen als Führungskraft. Durch das, was ich täglich tue, wie ich reagiere, welche Prioritäten ich setze, auch wenn niemand zuschaut.
Der wahre Prüfstein: Was löst mein Führungsverhalten aus?
Seitdem ich verstanden habe, dass mein Verhalten die eigentliche „Sprache“ der Führung ist und Routinen Kultur schaffen, frage ich mich, ganz bewusst und regelmäßig, drei Dinge, die noch tiefer gehen als die erste, grundsätzliche Frage:
- Was löst mein Verhalten, meine Haltung, meine Art zu kommunizieren wirklich im Team aus? Welche Reaktionen sehe ich? Welche Emotionen spüre ich im Raum, die vielleicht eine direkte Folge meiner Handlungen sind?
- Was wird durch meine Art zu führen möglich – oder, und das ist oft schmerzhafter, was wird nicht möglich? Welche Potenziale in meinen Mitarbeitern bleiben ungenutzt? Welche Initiativen sterben im Keim, weil mein Stil unbewusst bremst oder einschüchtert?
- Und die ultimative Probe aufs Exempel: Würde ich persönlich, mit meiner Einstellung und meinen Werten, gerne in einem Team arbeiten, das von mir genau so geführt wird? Würde ich mich wertgeschätzt, sicher und motiviert fühlen?
Diese Fragen zu stellen ist hart. Die Antworten sind es oft auch. Sie zwingen mich, über meine eigene Rolle hinauszublicken und ehrlich zu bewerten, welche Auswirkungen mein Verhalten und meine Haltung als Führungskraft auf mein Umfeld haben.
Es kommt nicht auf Perfektion an. Aber auf Verlässlichkeit.
Und hier liegt ein springender Punkt, der mir auf dieser Reise immens geholfen hat: Es geht nicht um Perfektion. Niemand erwartet – und es wäre auch nicht authentisch – dass du nie Fehler machst, nie gestresst bist oder immer in Topform agierst.
Aber das Team spürt sehr genau, ob du authentisch versuchst, deinem eigenen Idealbild als Leader zu entsprechen. Es spürt, ob Worte und Taten im Großen und Ganzen übereinstimmen. Es geht um Verlässlichkeit.
Verlässlichkeit in deinem Handeln, auch unter Druck, schafft Vertrauen. Sie ist der Kitt, der deine Werte mit deiner Wirkung verbindet.
Führung ist in ihrer Essenz keine Rolle, die wir morgens anziehen. Sie ist, wer wir sind und wie wir uns verhalten – insbesondere dann, wenn niemand zusieht oder wenn es schwierig wird. Die Frage „Würdest du dir selbst folgen?“ und die tieferen Fragen nach dem eigenen Impact sind keine einmalige Übung, sondern der tägliche Kompass für mich, um die Führungspersönlichkeit zu sein, die ich sein möchte und die mein Team verdient.
Es ist ein fortlaufender Prozess des Lernens, des Stolperns und des Wiederaufstehens. Aber die Investition in das eigene Vorbild zahlt sich unermesslich aus – im Vertrauen deines Teams, in einer gesunden Kultur, in der gemeinsamen Zielerreichung und in meiner persönlichen Erfüllung als Leader.