Das Buch ist da. Und jetzt? Warum Lesen noch kein Geschäftsmodell ist.

Andreas Ollmann und Sebastian Keil präsentieren lachend ihr Buch "Gestaltungslust" an einem Tisch mit mehreren Exemplaren

Heute ist der 16. September 2026. Wenn die Logistik der Post ihren Job gemacht hat, liegt unser Buch Gestaltungslust ab heute bei den ersten von euch auf dem Schreibtisch.

Für Andreas und mich ist das ein verdammt schöner Moment. Vor knapp neun Monaten haben wir angefangen, die ersten Gedanken aufzuschreiben. Wir haben gestritten, Formulierungen verworfen, Kapitel neu sortiert und uns die Nächte um die Ohren geschlagen, während das normale Unternehmerleben natürlich ungebremst weiterlief. Jetzt das fertige Ding mit dem Haufe-Logo in den Händen zu halten – klar macht das stolz. Da muss man gar nicht bescheiden tun.

Aber wenn der erste Kaffee getrunken und das obligatorische LinkedIn-Foto gemacht ist, bleibt eine Frage im Raum stehen, die wir uns von Anfang an selbst gestellt haben:

Was nützt eigentlich das klügste Buch der Welt, wenn sich am Montagmorgen im Betrieb genau gar nichts ändert?

Die ehrliche Antwort lautet: erst mal überhaupt nichts.

Der Sonntags-Rausch und der Montags-Kater

Wir kennen dieses Phänomen doch alle an uns selbst. Man sitzt am Wochenende auf dem Sofa oder im Zug, liest ein gutes Wirtschaftsbuch, nickt alle drei Seiten und streicht sich mit dem gelben Textmarker halbe Absätze an. Man denkt: „Verdammt, genau das ist unser Problem. Ab nächster Woche machen wir das anders.“

Montagmorgen, 08:15 Uhr.

Du betrittst das Büro. Erste Mail: Ein wichtiger Kunde droht abzuspringen. Zweite Nachricht: In der Produktion steht eine Maschine still. Dritte Baustelle: Der Betriebsrat hat Redebedarf, weil die Stimmung in Abteilung B kippt.

Binnen dreißig Minuten hat das operative Klein-Klein jede gute Absicht vom Sonntagabend pulverisiert. Der Kalender übernimmt die Regie. Das Buch wandert ins Regal zu den anderen drei ungelesenen Ratgebern, die man „irgendwann noch mal vertiefen“ wollte. Staubfänger für gute Vorsätze.

Das Verrückte daran ist: Die meisten Unternehmen scheitern nicht daran, dass ihnen die Intelligenz fehlt. Wenn Andreas und ich mit Geschäftsführern, Werksleitern oder Betriebsräten bei einem Kaffee sitzen und die Türen zu sind, wissen die allermeisten ganz genau, wo die Hütte brennt. Sie wissen, dass die Marge bröckelt. Sie wissen, dass der Rotstift endlich ist. Und sie wissen, dass die nächste Generation keine Lust hat, in starren Hierarchien zu versauern.

Das Problem ist nicht fehlende Erkenntnis. Das Problem ist, dass das Tagesgeschäft die bequemste Ausrede der Welt ist, um den wirklich ungemütlichen Fragen aus dem Weg zu gehen.

Solange ich den ganzen Tag Brände lösche, habe ich das beruhigende Gefühl, hart gearbeitet zu haben. Dann muss ich mich nicht fragen, warum unsere Bude eigentlich aus trockenem Holz gebaut ist.

Warum Veränderung fast immer an derselben Stelle krepiert

Wenn Chefs dann doch mal beschließen, dass „jetzt aber wirklich was passieren muss“, läuft fast überall derselbe Film ab:

Die Geschäftsführung schließt sich für zwei Tage in ein Tagungshotel ein. Vielleicht holt man sich noch ein paar schlaue Berater dazu, die bunte Folien mitbringen. Man pinselt ein neues Leitbild, definiert Kernbotschaften und verkündet das Ganze drei Wochen später im großen All-Hands-Meeting der Belegschaft.

Die Reaktion im Saal? Höfliches Klatschen, betretene Blicke, innerer Rückzug.

Hinten an der Kaffeemaschine heißt es dann: „Lass die da oben mal machen. In einem halben Jahr gibt’s die nächste Sau, die durchs Dorf getrieben wird.“ Und der Betriebsrat schaltet völlig zurecht auf stur, weil er vor vollendete Tatsachen gestellt wurde.

Das Management zuckt mit den Schultern und sagt: „Die Leute sind halt veränderungsmüde.“

Das ist Blödsinn. Niemand ist veränderungsmüde. Die Leute haben schlicht keine Lust auf Bevormundung. Niemand will zuschauen, wie andere über den eigenen Arbeitsplatz entscheiden, ohne dass man selbst mit am Tisch saß.

Bauen statt Folien malen: Was die Triade wirklich bedeutet

Genau an diesem Punkt wollten Andreas und ich mit Gestaltungslust ansetzen. Wir wollten kein theoretisches Lehrbuch schreiben, das sich in akademischen Modellen verliert. Wir wollten das aufschreiben, was wir in den letzten zwanzig Jahren in unseren eigenen Firmen und bei unseren Kunden auf die harte Tour gelernt haben – inklusive aller Narben.

Für uns gibt es einen simplen Grundsatz: Wenn du etwas bauen willst, das hält, musst du die Reihenfolge umdrehen.

Hört auf, Strategien im stillen Kämmerlein auszubrüten, um sie hinterher gegen Widerstände durchzuprügeln. Holt die drei Kräfte an einen Tisch, die das Schicksal des Ladens in der Hand haben:

  1. Die Geschäftsführung, die ohne Schönfärberei sagt, was Sache ist, welche wirtschaftlichen Realitäten gelten und wo die Leitplanken liegen.
  2. Den Betriebsrat, nicht als Kontrollinstanz am Ende des Prozesses, sondern von Tag eins an als Mit-Architekt. Wer zusammen baut, muss sich hinterher nicht vor Gericht über Abfindungen und Sozialpläne streiten.
  3. Die Leute aus der Mannschaft, die das Geschäft wirklich kennen. Nicht die üblichen Lieblinge der Chefetage, sondern die echten Meinungsmacher und Know-how-Träger aus der Werkshalle, dem Vertrieb und der Entwicklung.

Wenn diese drei Gruppen an einem Tisch sitzen und eine klare Struktur haben, passiert etwas, das man in klassischen Change-Prozessen fast nie erlebt: Die Schärfe weicht der Neugier.

Man verhandelt nicht mehr gegeneinander über den Mangel. Man redet plötzlich darüber, welche neuen Produkte man bauen kann, welche Märkte Sinn ergeben und wie man die Arbeitsplätze der nächsten zehn Jahre sichert.

Das ist keine Kuschel-Pädagogik. Das ist knallhartes Risikomanagement.

Buch zuschlagen. Ärmel hochkrempeln.

Gestaltungslust ist ab heute im Handel. Wir freuen uns über jeden, der es kauft, liest und weiterempfiehlt. Schreibt uns eure Meinung, zerreißt einzelne Thesen, diskutiert mit uns – genau dafür haben wir es gemacht.

Aber tut uns und vor allem euch selbst einen Gefallen:

Lasst das Buch nicht zu einer weiteren Trophäe im Regal werden. Nutzt es als Bauplan. Schlagt es nach den ersten Kapiteln zu, geht raus aus dem Büro und sprecht mit den Leuten, die ihr gestern vielleicht noch als Bremser gesehen habt.

Zukunft entsteht nicht durch das Lesen kluger Sätze. Sie entsteht in dem Moment, in dem man aufhört, das Alte zu verwalten – und wieder anfängt, das Neue zu bauen.

Packen wir es an.

Post aus dem Ministerium für Möglichkeitsmanagement
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