Räume, in denen Teams wachsen – und warum Quadratmeter nicht reichen

Büropflicht feiert wieder ein Comeback. Unternehmen holen ihre Remote-Teams nach langer Zeit im Homeoffice zurück in die Büros – ganz oder zumindest teilweise. Ein Schritt, der sich irgendwie wie eine Zeitschleife anfühlt. Damals hieß es: „Remote geht nicht.“ Dann ging es doch. Jetzt heißt es: „Remote geht nicht mehr.“

Die Frage, die mich in dieser ganzen Return-to-Office Debatte aber tatsächlich umtreibt, ist: Was soll im Büro überhaupt passieren? Welche Bedeutung hat dieser Raum? Und weiter gedacht: Was braucht es, damit Menschen wirklich zusammenkommen, ihr Potential entfalten und für das Unternehmen wirksam werden können?

Spoiler: Da braucht es mehr als ein schickes Büro.

Der etwas andere Blick auf Räume

Ich komme ursprünglich aus der Einrichtungsbranche und habe früher ganz wortwörtlich Büros eingerichtet. Mir ist daher vollkommen bewusst, wie stark das räumliche Umfeld das Wohlbefinden und die Produktivität von Menschen beeinflussen kann. Ergonomische Arbeitsplätze, durchdachte Collaboration Spaces, Team Areas. Alles wichtig und richtig.

Aber selbst ein perfektes Raumkonzept bringt nichts, wenn die Menschen darin nicht wissen, wozu sie dort zusammenkommen sollen. Wenn die Unternehmensführung plötzlich per Dekret beschließt, dass man wieder im Büro zu sitzen hat, bleibt der Raum am Ende zwar physisch gefüllt, aber menschlich leer. Man sitzt nebeneinander, aber man arbeitet nicht zusammen.

Denn in einem Raum mit anderen zu sein, heißt noch lange nicht, Raum zu haben.

Räume brauchen eine Intention. Sie brauchen Klarheit über ihren Zweck. Und sie brauchen die Erlaubnis, sie zu nutzen – wirklich zu nutzen, nicht nur zu betreten.

Der blinde Fleck bei der RTO-Debatte

Wenn wir uns die Argumente anschauen, mit denen Homeoffice gestrichen wird, dann verraten sie viel darüber, wie Unternehmen über Arbeit denken – und wie wenig über echte Räume. Die Illusion von Kontrolle, das Produktivitätsparadoxon oder Aussagen wie „Die teure Miete muss sich doch lohnen“ haben in meinen Augen kaum Substanz.

Doch es gibt Argumente für die Büroanwesenheit, die ich nicht so leicht vom Tisch wische: Unternehmenskultur, Zugehörigkeit und Teamgeist.

Wenn alle ausschließlich von zu Hause aus arbeiten, ist es spürbar schwerer, ein echtes Wir-Gefühl aufzubauen und eine Kultur zu leben, die Mitarbeitende langfristig an das Unternehmen bindet. Ich weiß das aus eigener Erfahrung: Bei Ministry arbeiten wir schon sehr lange in hybriden Settings. Schon vor Corona war Homeoffice bei uns üblich, und seit einigen Jahren arbeitet unser gesamtes Team fast ausschließlich remote. Es kostet Energie, Verbindung zu halten, wenn die täglichen Begegnungen auf dem Flur wegfallen. Das feine Gespür dafür, wie es den anderen gerade geht, oder das simple Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein – das passiert digital nicht von allein.

Aber: Kultur und echte Schaffenskraft entstehen eben auch nicht von allein, nur weil man im gleichen Büro sitzt.

Und hier liegt meiner Meinung nach der blinde Fleck: Organisationen, die jetzt „Kultur“ als Grund für die Rückkehr anführen, sollten nicht nur ihre Erwartungen benennen, sondern auch ein Kultur-Konzept haben. Denn Kultur entsteht nicht, weil man die gleiche Treppe nimmt oder sich regelmäßig an der Kaffeemaschine trifft. Kultur muss man fördern und pflegen – egal, wo sich das Team aufhält.

Kultur entsteht, wenn Menschen wissen, wofür sie zusammenkommen. Wenn sie erleben, dass ihre Beiträge zählen. Wenn sie sich sicher fühlen, um Ideen zu äußern, die noch nicht fertig sind. Wenn Fehler nicht bestraft werden, sondern man gemeinsam daraus lernt.

Räume verstehen – Creating Organisation werden

Bei Ministry erlebe ich, was es bedeutet, wirklich Raum zu haben. Und genau dieser Raum entfacht eine ganz bestimmte Kraft: Gestaltungslust. Damit meinen wir den angeborenen menschlichen Antrieb, die eigene Kreativität freizusetzen und gemeinsam Dinge zu erschaffen, die vorher nicht existierten.

Genau das ist das Kernprinzip einer Creating Organisation. So nennen wir unser Idealbild eines anpassungsfähigen, lebendigen und zukunftsorientierten Unternehmens. Unser Ansatz basiert auf der festen Überzeugung, dass in jedem Menschen dieser kreative Antrieb steckt. Aber er braucht den passenden Raum, um wirksam zu werden. Und damit meine ich – das sollte bis hierhin klar geworden sein – eben nicht (nur) die physischen vier Wände, sondern Räume im übertragenen Sinn. Das gestalten wir durch eine inspirierende Vision, klare, aber flexible Strukturen, zeitgemäße Führung auf Augenhöhe und echten Platz für Experimente und neue Ideen.

Das Ergebnis ist eine Unternehmenskultur, die als Safe Space funktioniert. Ein geschützter Raum, den alle im Team gemeinsam pflegen und verteidigen. Nicht weil sie müssen, sondern weil sie es wollen. Wer psychologische Sicherheit spürt, der spürt auch den Raum, wirksam zu sein – im eigenen Job, aber auch darüber hinaus. Das alles ist auch remote machbar und spürbar.
Und wer sich dann noch nach dem Team in echt sehnt, nutzt entweder regelmäßige, organisierte Teamevents oder die Option, sich bewusst im Büro zu treffen. So wird das Büro von der Pflichtpräsenz-Zone zu einem wertvollen Raum für echte, menschliche Begegnungen.

Aber was heißt das jetzt konkret? Wie übersetzen wir das schöne Bild der kulturellen Raumgestaltung in die Praxis? Ich habe drei Impulse aus meiner Arbeit – als Einladung zum Weiterdenken:

1. Intention vor Anwesenheit: Jenseits von Ansagen wie „Ab jetzt kommen alle dienstags ins Büro“ braucht es ein klares Ziel: „Wir treffen uns am Dienstag vor Ort, um gemeinsam an X weiter zu machen und Y zu gestalten.“ Der Unterschied klingt klein, ist aber fundamental. Wenn der Zweck für alle klar und sinnvoll ist, kommt die Frage nach dem passenden Ort oft ganz von selbst.

2. Psychologische Sicherheit: Ein Meeting, in dem niemand widerspricht, ist nicht unbedingt Harmonie. Ein Team, in dem nur die Lautesten gehört werden, ist keine echte Gemeinschaft. Ein echter Safe Space entsteht durch Führung, die mutige Fragen stellt, statt fertige Antworten vorzugeben, und die Widerspruch aktiv einlädt. Erst wenn Fehler nicht mehr als Risiko begriffen werden, füllen Menschen den Raum mit ihren eigenen Ideen.

3. Verbindung braucht Erlebnisse: Ein Team, das stumm im selben Raum arbeitet, ist keine Gemeinschaft. Echte Verbundenheit entsteht nicht durch die reine Präsenz, sondern durch geteilte Momente. Es braucht gemeinsame Rituale, Gelegenheiten, gemeinsam zu feiern und Projekte abseits des Tagesgeschäfts. Das schafft emotionale Bindung.

Worauf es am Ende ankommt

Bevor also das nächste Mal über neue Anwesenheitsregeln oder Raumkonzepte nachgedacht wird, sollten Organisationen sich fragen: Was genau soll in diesem Raum eigentlich passieren? Wissen die Menschen, wofür sie zusammenkommen? Haben die Menschen hier die Erlaubnis zu gestalten – oder nur die Pflicht, anwesend zu sein?

Nicht die Quadratmeter entscheiden über den Erfolg eines Unternehmens. Sondern das Vertrauen, dass Menschen von Natur aus mehr wollen, als einfach nur da zu sein. Sie wollen mitgestalten. Sie wollen wirksam sein. Wir müssen ihnen nur den Raum dafür geben.

Post aus dem Ministerium für Möglichkeitsmanagement
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