Man müsste mal …

Ich war meistens selbständig. Nicht aus Überzeugung – sondern weil angestellt zu sein, für mich nie lange funktioniert hat. Bis ich zum ersten Mal in einer Retro saß, die anders war.

Ich habe diesen Satz viele Male gedacht. Manchmal auch laut gesagt: “Man müsste mal…” Ein Prozess, der nicht stimmt. Eine Geschichte, die niemand erzählt. Eine Chance, die ungenutzt bleibt. Ich sah das – und lernte jedes Mal schnell, den Satz seltener zu sagen. Weil er verpuffte. Höfliches Nicken. Freundliche Stille. Oder die Frage, ob das wirklich in meinen Aufgabenbereich fällt.

Meine Konsequenz war jedes Mal dieselbe: kündigen. Zurück in die Selbständigkeit, wo ich wenigstens selbst entscheiden konnte, welche Ideen ich verfolge und welche nicht. Ich war nicht prinzipiell dagegen, angestellt zu sein. Ich war gegen Umgebungen, in denen meine Gestaltungslust systematisch ins Leere lief.

Bis ich zu Ministry kam.

Die erste Retro im neuen Unternehmen

Es war keine große Geste. Keine Willkommensveranstaltung, kein Versprechen auf Hochglanzpapier. Es war eine Retrospektive – ein Raum, in dem das Team ehrlich miteinander war. Ohne Hierarchie, die das Gespräch formte. Und irgendwann sagte ich es. Wieder. Dieses “Man müsste mal…”

Die Antwort war diesmal eine andere. Kein Schulterzucken, keine Stille. Sondern: Ja. Mach das. Es gibt ein Forum dafür – komm dazu.

Und schwupsdiwups – ich meine das wörtlich, es ging wirklich so schnell – saß ich in selbstorganisierten Arbeitsgruppen. Menschen, die alle dasselbe wollten: nicht nur ihre Aufgaben erledigen, sondern das Unternehmen selbst mitgestalten. Die Organisation. Die Strukturen. Die Richtung. Niemand hatte uns das aufgetragen. Wir haben kurzerhand Rollen verteilt, Zuständigkeiten definiert und haben einfach angefangen – weil wir es wollten.

Selbstorganisation bedeutet nicht, dass man auf to-dos wartet. Es bedeutet, dass man sich einbringt und to-dos selbständig erkennt, weil man über den Tellerrand hinausschaut und am großen Ganzen mitwirkt.

Im Unternehmen. Und am Unternehmen.

Im Unternehmen arbeiten heißt: meinen Job machen. Gut sein in dem, wofür ich da bin. Das ist nicht wenig – aber es hat eine Grenze. Eine Stellenbeschreibung. Einen Zuständigkeitsrahmen.

Am Unternehmen arbeiten heißt: die Organisation selbst mitformen. Fragen stellen, die über den eigenen Bereich hinausgehen. Ideen einbringen, ohne erst Erlaubnis einholen zu müssen. Energie nicht nur in Aufgaben stecken, sondern in Möglichkeiten.

Wenn ich am Unternehmen arbeiten darf, verändert sich auch, wie ich meinen eigentlichen Job mache. Nicht weil ich muss. Sondern weil ich will. Weil meine Arbeit plötzlich Teil von etwas ist, das ich selbst mitgebaut habe.

Das ist übrigens das Gefühl, das ich aus der Selbständigkeit kannte. Nur diesmal nicht allein.

Wollen ist kein Luxus – es ist eine Frage der Sicherheit

Viele Menschen denken, intrinsische Motivation sei eine Charakterfrage. Entweder man ist ein Macher-Typ oder nicht. Entweder man brennt für seinen Job oder man tut halt, was man tun muss. Ich glaube, das stimmt nicht. Ich glaube, Motivation ist vor allem eine Frage des Umfelds.

Was ich in diesen Arbeitsgruppen erlebt habe, hat einen Namen: psychologische Sicherheit. Das Wissen, dass eine Idee nicht gegen mich verwendet wird. Dass ein Scheitern kein Urteil ist. Dass ich etwas ausprobieren darf, ohne vorher beweisen zu müssen, dass es funktioniert. Dieser Vertrauensvorschuss – er klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. In den meisten Organisationen ist er die Ausnahme.

Und genau dieser Vertrauensvorschuss ist es, der aus einem vorsichtigen “Man müsste mal…” ein beherztes “Ich mach das jetzt.” macht. Nicht weil man plötzlich mutiger ist. Sondern weil der Raum trägt. Weil man weiß: Wenn ich hier eine Idee einbringe und sie scheitert, stehe ich danach nicht schlechter da als vorher. Ich habe etwas gelernt – und das Unternehmen auch.

Dieses Wissen verändert alles. Es verändert, wie viel Energie ich in meinen Job stecke. Wie kreativ ich denke. Wie bereit ich bin, Verantwortung zu übernehmen – auch für Dinge, die mir niemand aufgetragen hat. Ich mache meinen Job nicht mehr, weil ich muss. Ich mache ihn, weil er Teil von etwas ist, das mich wirklich interessiert. Das ist der Unterschied zwischen Pflicht und Antrieb. Und er ist gewaltig.

Diese Organisationsform hat einen Namen

Was ich beschrieben habe – selbstorganisierte Foren, mitgestalten, wo man Handlungsbedarf sieht, Vertrauen als Grundlage, Mut als Ergebnis – das ist kein glücklicher Zufall. Das ist eine Entscheidung, die Organisationen treffen können. Oder eben nicht. Und es ist eine Entscheidung, bei der man sie begleiten kann – mit der richtigen Struktur, den richtigen Fragen, dem richtigen Prozess.

Unternehmen, die sich so aufstellen, nennen wir: Creating Organisations. Organisationen, die nicht verwalten, was ihre Menschen können – sondern es entstehen lassen. Die nicht fragen, ob etwas in den Aufgabenbereich fällt, sondern wer Lust hat, es anzupacken. Die Gestaltungslust nicht bremsen, sondern als das behandeln, was sie ist: die wertvollste Ressource, die ein Unternehmen hat.

Ich verschwende keine Energie mehr damit, meine Gestaltungslust zurückzuhalten. Und ihr? Ich bin ziemlich sicher, dass ihr diesen Satz auch schon oft gedacht habt: “Man müsste mal…” Die Frage ist nur, in welcher Organisation ihr diesen Satz das nächste Mal sagt.

Post aus dem Ministerium für Möglichkeitsmanagement
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