Was mir mein Balkon über unternehmerische Entwicklung beigebracht hat

Ich hatte lange keinen Balkon. Weder in der ersten Studenten-WG in Winterhude, noch in der zweiten Wohnung mitten im trubeligen Eimsbüttel, in die ich mit meiner heutigen Frau zusammengezogen bin. Zentraler geht es in Hamburg kaum, aber dafür hatten wir eben keine Fläche, um mal auszutreten.

Vor rund einem Jahr hat sich das geändert, wir sind umgezogen und nun stolze Besitzer einer kleinen Dachterrasse. Seit dem Frühjahr wächst hier so einiges: ein kleiner Olivenbaum, ein Bambus als Sichtschutz, Lavendel, eine Glanzmispel. Wir haben jetzt sogar ein Gemüse-Hochbeet!

Vielleicht ist es eine Frage des Alters, aber ich habe bisher unterschätzt, wie viel Spaß es machen kann, Pflanzen zu pflegen und ihnen beim Wachsen zuzusehen. Die Glanzmispel zum Beispiel braucht zwei- bis dreimal im Jahr einen Erziehungsschnitt (heißt wirklich so).

Als ich Ende Mai das erste Mal die Schere angesetzt habe, hat es mir fast weh getan, gesunde, grüne Triebe einfach abzuschneiden. Aber genau das ist der Punkt. Man nimmt der Pflanze etwas weg, damit sie kräftiger nachwächst. Die Nährstoffe verteilen sich nicht mehr auf hundert Triebe, sondern konzentrieren sich auf die, die bleiben.

Die neue Pflanze ist also beileibe nicht bloß die Summe der übrig gebliebenen Ästchen. Denn im Falle der Glanzmispel wird aus den kleinen Sträuchern aus dem Baumarkt über die Jahre eine kräftige und ansehnliche Hecke mit leuchtend roten Blättern, die sie für mich so schön macht.
Die Idee finde ich spannend und sie lässt sich auch auf die Arbeit im Unternehmen übertragen: Manchmal muss man etwas wegschneiden, um am Ende mehr zu haben. Was bleibt, bekommt einfach mehr Kraft ab. Und das Ganze wird dabei zu etwas Neuem, das so vorher noch nicht da war.

Bei unseren Kunden und natürlich auch bei uns im eigenen Unternehmen, erlebe ich, wie schwer genau das fällt. Organisationen sind großartig darin, etwas Neues hinzuzufügen: eine weitere Initiative, ein weiteres Ziel, eine weitere Formulierung im Strategiepapier. Viel seltener erlebe ich, dass jemand bewusst etwas wegnimmt, obwohl schon Arbeit und Herzblut drinstecken und es sich eigentlich fertig anfühlt. Es fühlt sich an wie Verlust, nicht wie Fortschritt, deshalb behalten die meisten lieber, was schon da ist, statt es infrage zu stellen.

Dahinter steckt ein psychologischer Denkfehler, die Sunk-Cost-Fallacy: Wir bewerten eine Entscheidung nicht danach, was uns von hier aus weiterbringt, sondern danach, wie viel Zeit und Arbeit schon investiert wurde, aus Angst vor dem Verlust und davor, sich selbst einen Fehler einzugestehen.

Damit wir diesem Denk-Irrtum nicht einfach aufsitzen, kann es helfen, zu fragen: Würde ich mich, wenn ich heute ganz neu anfangen würde, wieder für genau das entscheiden, was gerade vor mir liegt? Wer ehrlich Nein sagt und trotzdem weitermacht, schneidet nicht ab, sondern klammert. Und weil man in der eigenen Sache selten objektiv ist, braucht es dafür manchmal jemanden von außen, der genau diese Frage stellt.

Ein Beispiel aus der eigenen Praxis: Ich begleite Ministry seit einigen Jahren bei der Frage, wie wir uns neu ausrichten wollen – von einer etablierten Digitalagentur hin zu der Innovationsberatung, die wir heute sind. Ich erinnere mich an eine Runde vor rund zwei Jahren, in der wir an unserer Neupositionierung saßen. Eigentlich war alles fertig formuliert, doch wir wollten noch einmal Meinungen von Kolleginnen und Kollegen einholen, die bis dato nicht im Prozess involviert waren. Ihre Impulse brachten uns zum Nachdenken.

Statt unseren Entwurf bis ins Endlose zu verteidigen, haben wir ihn stellenweise verworfen, obwohl viele Stunden Arbeit drinsteckten. Genau das ist seitdem immer wieder passiert: Wir haben Formulierungen, Folien, ganze Ansätze weggeschnitten, die eigentlich schon standen, weil sie nach erneutem Lesen nicht ganz zu dem passten, was wir eigentlich sagen wollten.

Hätten wir diese fast fertigen Entwürfe einfach behalten, würde bei Ministry heute vermutlich ein Positionierungstext stehen, der niemanden stört und genau deshalb auch niemanden überzeugt. Der Mut, etwas wegzukürzen, das schon viel Kraft gebunden hat, ohne wirklich zu tragen, ist am Ende die Voraussetzung dafür, dass etwas ganz Neues entstehen kann.

In den restlichen Sommer entlasse ich euch mit der Frage: Wo würde gerade im Privaten oder beruflich ein Erziehungsschnitt gut tun, damit etwas Neues entstehen kann?

Danke fürs Lesen! Ich muss jetzt raus zum Gießen, die Glanzmispeln haben Durst.

Bleibt neugierig und bis bald!

Wirtschaftspsychologe & Organisationsentwickler

Schreibt hier über Selbstmanagement, Neue Produktivität, systemische Wechselwirkungen und New Work.

Post aus dem Ministerium für Möglichkeitsmanagement
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