Co-Creation und Mate Tee

Co-Creation ist ja seit Jahren so mein Ding. Ich schreibe das in alle meine Profile, erzähle bei vielen Meetings davon, habe viel gelesen und gelernt, zig Zertifikate dafür gesammelt.

Irgendwie klingt das für mich aber immer noch ein wenig nach „Bäume umarmen“ und „tantrischem Trommeln“, wenn ich den Begriff benutze. Ich versuche das daher jetzt mal für mich und Euch da rauszuholen. Frei nach Professor Brömmel aus der Feuerzangenbowle:

Wat is en Dampfmaschin?

Also: Was ist Co-Creation. Da stellen wir uns mal ganz dumm und sagen: Co-Creation ist ein Erfahrungsraum. Und dieser Raum funktioniert nur mit Regeln. Das klingt zunächst widersprüchlich, weil Kreativität meist mit Regelfreiheit verbunden wird. Tatsächlich ist es umgekehrt: Erst ein gemeinsames Bewusstsein für die Aufgabe und die Akzeptanz von Regeln schafft den Boden, auf dem eine Gruppe dann wirklich freidrehen kann.

In diesem Raum passiert etwas, das sich kaum anders beschreiben lässt als Funkenflug, der sich potenziert: Der Ideenfunke einer Person entzündet zehn neue Ideen bei anderen im Raum. Genau das unterscheidet Co-Creation von Einzelkreativität, die nur addiert wird – hier entsteht ein Vervielfältigungseffekt, der ohne den geteilten Raum gar nicht möglich wäre. Und weil in keinem Artikel ein KI-Bezug fehlen darf: KI kann uns mit dem Durchschnitt allen verfügbaren Wissens versorgen. Aber das wirklich Neue entsteht weiterhin da, wo Menschen miteinander denken, spinnen und spielen!

Please refrain from Brainstorming!

Klassische Teamarbeit folgt – oft unbemerkt – noch immer einem tayloristischen Denken: klare Rollen, klare Zuständigkeiten, jeder liefert seinen abgegrenzten Beitrag. Brainstorming war der erste große Versuch, aus diesem Muster auszubrechen. Aber Brainstorming allein greift oft zu kurz, und viele Teams wissen gar nicht wirklich, wie gutes Brainstorming funktioniert. Ohne Struktur entsteht entweder zu schnell Konsens auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner, oder die lautesten Stimmen dominieren das Ergebnis.

Co-Creation geht weiter. Sie braucht ein bewusstes Trennen von Verstehen, Erfinden und Schärfen – divergent denken, bevor man konvergiert; viele Ideen zulassen, bevor man bewertet. Und sie braucht den Mut, die eigenen Denkmuster zu verlassen: Wie würde jemand ohne unsere Geschichte und unsere Altlasten dieses Problem angehen? Solche Fragen sind ein Hebel, um aus über Jahre gelernten Grenzen auszubrechen – etwa der Annahme, man könne nur das, was man schon immer gemacht hat.

Wenn das Gefälle verschwindet

Eine der verlässlichsten Beobachtungen aus unserer Workshop-Praxis: Sobald unterschiedliche Hierarchieebenen gemeinsam an einer Aufgabe arbeiten, ist das Gefälle zu Beginn spürbar – die Führungskraft ist, ohne es zu wollen, Alpha im Raum, die Mitarbeitenden halten sich zurück. Je weiter der Prozess fortschreitet, desto deutlicher merken alle: Wir haben alle etwas beizutragen, und keine Perspektive ersetzt die andere. Nach kurzer Zeit ist die Hierarchie im Raum oft nicht mehr spürbar – nicht weil sie abgeschafft wurde, sondern weil sie für die gemeinsame Aufgabe schlicht keine Funktion mehr hat. Menschen, die sich nie als kreativ bezeichnen würden, werden so zu erstaunlich kreativen Mitgestaltenden.

Wo Co-Creation an ihre Grenzen kommt

So viel Potenzial Co-Creation hat – sie funktioniert nicht automatisch, sobald man einfach irgendwelche Menschen in einen Raum setzt. Sie lebt von Diversität. Die erfahrensten, schlausten oder „wichtigsten“ Mitarbeitenden sind dabei nicht automatisch die besten Teammitglieder. Die Zusammenstellung eines Teams für einen co-kreativen Prozess ist deshalb selbst eine anspruchsvolle Aufgabe, die mindestens so viel Sorgfalt verdient wie die Methodik selbst. Unser System hinter der Teamzusammenstellung ist eine Mischung aus wissenschaftlichen Modellen, Erfahrung aber auch Gespür für Menschen. Jedes Team braucht Impulsgeber, Verbinder, Strukturierer und Treiber. Dabei sind die dazugehörigen Merkmale nicht immer exklusiv in einer Person angelegt. Zwei Dinge sind erfolgsentscheidend: Die richtige Mischung und Bereitschaft zu Flexibilität im Denken. Wenn ein Team sich nicht aus seinen gewohnten Grenzen herausbewegt, bleiben die Ergebnisse oft „underwhelming“ – solide, aber nicht das, wofür man Co-Creation eigentlich einsetzt.

Die Crew, nicht nur der Steuerstand

Einer der langweiligsten Vergleiche ist der einer Organisation mit einem Schiff. Funktioniert aber immer wieder: Es gibt die Maschine – Strukturen, Prozesse, Technologie. Und es gibt die Crew. Co-Creation ist im Kern die Entscheidung, wie viel von der Intelligenz dieser Crew tatsächlich genutzt wird, statt nur Anweisungen vom Steuerstand auszuführen oder stumpf auf die Verlässlichkeit der Maschine zu bauen. Eine Organisation, die das ernst nimmt, wird dadurch nicht nur kreativer, sondern auch widerstandsfähiger. Sie wird im besten Fall zu einer Creating Organisation.

All das lässt sich nicht erzwingen, aber auslösen – durch Räume, in denen Hierarchie kurzfristig keine Funktion mehr hat, durch das bewusste Aushalten von Unsicherheit, und durch die Einladung, die eigenen Grenzen zu hinterfragen. Ein guter Anfang liegt oft im nächsten Meeting, in dem eigentlich eine Entscheidung präsentiert werden sollte – stattdessen einfach mal eine echte, noch offene Frage stellen. Genau das ist Gestaltungslust in Aktion. Macht mal!

Berater & Coach für Innovation und Co-Creation

Schreibt hier über kreative Prozesse, Zusammenarbeit und die Umsetzung neuer Ideen in Organisationen.

Post aus dem Ministerium für Möglichkeitsmanagement
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