Während andernorts über Stellenabbau diskutiert wird, entwickelt der Betriebsrat der IAV in Berlin Alternativen – mit unserer Unterstützung.
- Standort: Berlin
- Branche: Automotive / Ingenieurdienstleistungen
- Größe IAV Berlin: 1.250 Mitarbeitende / IAV gesamt: 5.000 Mitarbeitende
- Unsere Leistung: IGNITE-Prozess, wirtschaftlich-strategische Beratung für den Betriebsrat
- Kernergebnis: Mehrere ausgearbeitete neue Geschäftsmodelle auf Basis eigener Kernkompetenzen – ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Standortsicherung
Ausgangslage
Die Geschäftsführung der IAV kommunizierte intern wie extern eine klare Botschaft: Es gebe keine Alternative zur Schließung des Berliner Standorts. Für den Betriebsrat vor Ort bedeutete das eine denkbar schwache Ausgangsposition – wie soll man verhandeln, wenn die Geschäftsleitung die Debatte bereits für beendet erklärt?
Tanja Schneider, Betriebsratsvorsitzende IAV, und der Betriebsrat entschieden sich, das nicht einfach hinzunehmen. Statt nur zu verteidigen, wollten sie zeigen, was das Team am Standort Berlin wirklich kann – und welche Zukunftsfelder sich daraus erschließen lassen.
Herausforderung
- Die Geschäftsführung positionierte die Schließung als alternativlos.
- Dem Betriebsrat fehlte eine methodisch fundierte Grundlage, um dem glaubwürdig etwas entgegenzusetzen.
- Engagement und Ideen der Belegschaft waren vorhanden, aber noch nicht strukturiert nutzbar gemacht.
- Der Prozess sollte nicht am Reißbrett entstehen, sondern im echten Austausch mit den Menschen, die es betrifft.
Unser Vorgehen: Der IGNITE-Ansatz
Für diesen Prozess haben wir unseren IGNITE-Ansatz eingesetzt. Wenn ein Unternehmen für das, was es bisher gut gemacht hat, am Markt nicht mehr ausreichend bezahlt wird, ist die Antwort nicht, dasselbe billiger zu machen. Die eigentliche Frage lautet: Wie lassen sich die vorhandenen Kompetenzen nutzen, um eine der großen Fragen der Welt zu beantworten – und damit wieder ausreichend Wert zu generieren, um auch in Deutschland auskömmliche Löhne zu zahlen?
1. Co-kreativer Workshop-Prozess mit der Belegschaft
In mehreren Workshop-Tagen haben wir gemeinsam mit einem 16-köpfigen Pionierteam aus Kolleg:innen der IAV systematisch die vorhandenen Kernkompetenzen des Standorts Berlin erschlossen – nicht theoretisch, sondern im direkten Austausch mit den Menschen, die täglich damit arbeiten. Dabei wurde sichtbar, wie viel Gestaltungslust in vielen im Team bis dahin verborgen geblieben war.
2. Von der Idee zum tragfähigen Geschäftsmodell
Der IGNITE-Prozess ist darauf ausgelegt, aus einem kurzen, intensiven Workshop-Format heraus Substanz zu erzeugen: In wenigen Workshop-Tagen entstehen typischerweise Hunderte Ideen, aus denen mindestens drei ausgearbeitete neue Geschäftsmodelle hervorgehen – jeweils aufbauend auf den Kernkompetenzen des Unternehmens und ausgerichtet an großen Zukunftsfragen und Megatrends.
3. Strategische und politische Begleitung
Als Berater:innen haben wir diesen Prozess durchgehend strategisch begleitet: Wir haben die wirtschaftliche Argumentation für den Betriebsrat fundiert, die Positionierung gegenüber der Geschäftsführung geschärft und den Prozess auch in seiner politischen Dimension eingeordnet – in einem Umfeld, das öffentlich und politisch mit Aufmerksamkeit verfolgt wurde. So wurde aus berechtigtem Engagement eine Position, die wirtschaftlich wie strategisch überzeugte.
Ergebnis: ein Baustein zur Standortsicherung
- Für den Standort Berlin sind bereits mehrere sehr konkrete Geschäftsmodell-Ansätze entstanden, die auf den vorhandenen Kernkompetenzen des Teams aufbauen.
- Der Betriebsrat konnte der Geschäftsführung damit belegen: Es gibt eben doch Alternativen zur Schließung.
- Der Prozess hat sichtbar Vertrauen und Engagement in der Belegschaft freigesetzt – Ideen entstanden aus echter Offenheit, Kreativität und Begeisterung der Beteiligten.
- Die Herangehensweise – erst genau hinschauen und mit der Belegschaft Neues entwickeln, bevor Standorte aufgegeben werden – wurde auch von politischer Seite positiv begleitet: Die Berliner Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey stand während dieser Zeit im engen Austausch mit dem Betriebsrat der IAV.
Zur Einordnung: Der Standort Berlin bleibt erhalten, mit einer Beschäftigungssicherung bis 2028 – verhandelt und vereinbart zwischen IAV-Geschäftsführung, IG Metall und IAV-Betriebsrat im Zukunftstarifvertrag. Dieser Tarifvertrag enthält ausdrücklich den Auftrag, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und die Zukunft der IAV aktiv zu gestalten. Genau diese Arbeitsweise, die wir mit dem Berliner Betriebsrat im IGNITE-Prozess bereits erprobt hatten, ist damit fester Bestandteil des Vertrags geworden. Ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Standortsicherung – auf einem Weg, der noch nicht zu Ende ist.
Stimme aus dem Betriebsrat Berlin
„Mit Ministry an unserer Seite haben wir uns plötzlich stark gefühlt. Statt auf den Stellenabbau nur mit einem Sozialplan zu reagieren, haben wir gemeinsam mit unseren eigenen Leuten echte Alternativen entwickelt und der Geschäftsführung auf den Tisch gelegt – professionell begleitet, aber mit Ideen aus unserem eigenen Team.“
— Tanja Schneider, Betriebsratsvorsitzende IAV
Fazit
Der Case Berlin zeigt, wie sich ein scheinbar geschlossenes Narrativ – „keine Alternative“ – aufbrechen lässt: durch echten Austausch mit der Belegschaft, eine ehrliche Bestandsaufnahme der eigenen Kompetenzen und den Mut, daraus etwas Neues zu entwickeln. Zu Ende ist der Weg damit noch nicht. Aber die ersten Schritte sind gemeinsam gegangen.
Warum solche Alternativen zum Stellenabbau fast immer im Gespräch mit der Belegschaft entstehen, beschreibt Andreas Ollmann in einem eigenen Beitrag.
Sie stehen vor einer ähnlichen Situation? Wir begleiten Betriebsräte und Unternehmen mit IGNITE dabei, aus eigenen Kernkompetenzen neue, tragfähige Perspektiven zu entwickeln.
Häufige Fragen (FAQ)
Was ist der IGNITE-Ansatz?
IGNITE ist die Weiterentwicklung unseres langjährig erprobten GRANTIRO-Prozesses: ein co-kreativer Workshop-Ansatz, mit dem Unternehmen gemeinsam mit ihren Mitarbeitenden aus vorhandenen Kernkompetenzen neue, tragfähige Geschäftsmodelle entwickeln – ausgerichtet an großen Zukunftsfragen und Megatrends.
Wie lange dauert ein IGNITE-Prozess?
In der Regel entstehen bereits in wenigen intensiven Workshoptagen Hunderte Ideen, aus denen mindestens drei ausgearbeitete neue Geschäftsmodelle hervorgehen.
Ersetzt das die Tarifverhandlung durch die Gewerkschaft?
Nein. Die tarifliche Verhandlung führt die zuständige Gewerkschaft gemeinsam mit Geschäftsführung und Betriebsrat. Der IGNITE-Ansatz liefert die inhaltliche und wirtschaftliche Grundlage – die Kernkompetenzen und Geschäftsmodell-Ideen –, auf die eine starke Verhandlungsposition aufbauen kann.
Wann lohnt sich ein IGNITE-Prozess?
Immer dann, wenn noch nichts entschieden ist – und das ist öfter der Fall, als es sich anfühlt. Konkret sind das vor allem vier Situationen: Ein Stellenabbau wurde angekündigt und die Konsultationsfrist läuft. Kurzarbeit ist eingeführt, ohne dass klar ist, ob sie der erste Schritt zu etwas Größerem ist. Ein neuer Eigentümer übernimmt und die Richtung ist offen. Oder: Es ist akut noch gar nichts passiert, aber der Betriebsrat will vorbereitet sein, bevor es passiert. In allen vier Fällen gilt: Wer wartet, verliert Zeit. Wer handelt, gewinnt sie.
Wie startet man den Prozess am besten?
Der Betriebsrat hat dafür sogar ein eigenes Recht: Nach § 92a BetrVG kann er der Geschäftsführung ein eigenes Beschäftigungssicherungskonzept vorschlagen – die Geschäftsführung muss sich damit ernsthaft auseinandersetzen und eine Ablehnung in größeren Betrieben sogar schriftlich begründen. Der erste praktische Schritt ist ein unverbindliches Erstgespräch, in dem geklärt wird, welche der vier Situationen zutrifft und wie der Zwölf-Wochen-Prozess konkret aussehen würde.