Schweigen ist nicht immer Gold – warum Reden wichtig ist

Seit Juli sind wir offiziell das, was wir im Kern schon lange sind: eine Innovationsberatung. Mit unserem Markenrelaunch hat sich aber nicht nur nach außen etwas verändert. Auch nach innen hat sich einiges bewegt. Neue Schwerpunkte bedeuten neue Projekte und neue Teamkonstellationen. Menschen, die sich zwar kennen, aber wenig Projektüberschneidungen hatten, arbeiten jetzt enger zusammen denn je. Neue Rollen, neue Zuständigkeiten, neue Arbeitsbeziehungen. Das ist eine Chance und gleichzeitig eine große Herausforderung.

Denn neue Konstellationen bedeuten: Man startet nicht bei null, aber eben auch nicht dort, wo man mit anderen Kolleg:innen mal war. Nur weil der Grad der Selbstorganisation mal hoch war, heißt das nicht, dass es für immer so bleibt. Neue Umstände bedeuten, dass man sich neu aufeinander einstellen muss. Und genau das bringt mich zu einem Thema, das ich für die eigentliche Grundlage jeder guten Zusammenarbeit halte: Kommunikation.

Und das ist mehr Arbeit als man manchmal denkt.

Vom Funktionieren zum Wachsen

Im Modell des Impeccable Leadership wird davon ausgegangen, dass Teams sich in unterschiedlichen Phasen bewegen können – zum Beispiel zwischen reaktiv, aktiv und proaktiv. In jeder Phase hat das Team unterschiedliche Bedürfnisse, und Führung hat die Aufgabe, das Team dort abzuholen, wo es gerade steht und es (sofern gewünscht) zur nächsten Phase zu begleiten. 

Besonders spannend finde ich den Übergang von reaktiv zu aktiv. Denn würfelt man Menschen neu zusammen, dann sind sie nicht plötzlich selbstorganisiert und proaktiv, nur weil sie es in anderen Konstellationen vielleicht schon mal waren. Sie sind erst einmal reaktiv und vorsichtig. Im besten Fall funktionieren sie, weil sie erst einmal alles haben, was sie brauchen. Aber „Funktionieren“ ist eben noch nicht „Wachsen“. Und mit Wachsen meine ich nicht die Personenzahl, sondern die Qualität – das über sich hinauswachsen und mutig mitgestalten.

Damit ein Team aktiv wird, braucht es etwas, das gar nicht so einfach zu organisieren ist: echte Verbindung zwischen den Menschen. Und Verbindung entsteht nicht durch Ansagen, eine nette Mail oder gemeinsame Tools. Sie entsteht durch Vertrauen. Und Vertrauen braucht Offenheit und Zeit. Eine Kette, die in meiner Wahrnehmung am Ende immer bei derselben Grundlage landet: Kommunikation.

Nicht alle reden gerne

Ich bin ein sehr menschenorientierter Typ. Mein natürlicher Reflex ist es, viel zu erklären, einzuordnen, nachzufragen, alle mitzunehmen. Ich mag Transparenz, und ich mag es, wenn Dinge ausgesprochen werden, statt zwischen den Zeilen zu verschwinden.

Aber nicht jeder Mensch tickt so – und das ist gut. Unterschiedlichkeit macht ein Team stärker. Nur merke ich eben auch: Wenn neue Konstellationen entstehen, wird der Unterschied zwischen „viel kommunizieren wollen“ und „wenig kommunizieren brauchen“ plötzlich sichtbarer. Was die einen für selbstverständlich halten, ist für die anderen vielleicht eine bewusste Anstrengung. Und umgekehrt.

Wenn die Nachricht nicht ankommt, die man geschickt hat

Was diese Herausforderung nicht einfacher macht, ist das Thema Remote Work. Da wird eine Nachricht geschrieben: „Könnte das mal jemand übernehmen?“ oder „Habt ihr das schon gesehen?“ – und nur ein Teil des Teams reagiert. Oder die Nachricht wird ganz anders verstanden, als sie gemeint war, weil der emotionale Kontext fehlt, den man im Büro nebenbei mitbekommen hätte. An der Kaffeemaschine wäre das vermutlich in dreißig Sekunden geklärt gewesen. Remote braucht es dafür oft mehr Schritte. Das kostet Energie.

Das liegt übrigens nicht nur an der Distanz, sondern auch daran, wie unterschiedlich wir Nachrichten überhaupt hören oder lesen. Nach dem bekannten Kommunikationsmodell von Schulz von Thun hat jede Nachricht vier Seiten – Sachinformation, Selbstoffenbarung, Beziehungsebene und Appell. Und je nachdem, mit welchem „Ohr“ die Empfängerin oder der Empfänger gerade zuhört, kommt etwas völlig anderes an, als gesendet wurde. Das ist im persönlichen Gespräch schon anspruchsvoll genug. Remote wird daraus noch viel schneller ein Missverständnis. Und so geht man gerne mal mit ganz unterschiedlichen Wahrheiten aus einem Termin. Und seien wir mal ehrlich: Online-Smalltalk ist und bleibt komisch, wenn man nicht eh schon vertraut miteinander ist.

Das heißt nicht, dass echte Verbindung remote nicht stattfinden kann, aber ich glaube, man muss sie viel bewusster herstellen. Sie passiert nicht einfach von selbst.

Warum mir das gerade jetzt so wichtig ist

Ich glaube, dieses Thema beschäftigt mich nicht nur wegen unserer neuen Teamsituation. Es beschäftigt mich auch, weil ich gerade auf die Welt schaue und sehe, wie viel dort schiefläuft. Kriege, Krisen, Menschen, die um ihre Jobs bangen, eine Gesellschaft, in der Angst und Gewaltbereitschaft augenscheinlich zunehmen. Das alles muss irgendwo herkommen.

Und ich frage mich manchmal: Haben wir es als Gesellschaft ein Stück weit verlernt, vernünftig miteinander zu reden? Wirklich zuzuhören? Sich in die Lage des Gegenübers zu versetzen und auf Bedürfnisse einzugehen, auch wenn sie nicht die eigenen sind? Echte Verbindung zuzulassen, statt nur nebeneinander her zu existieren?

Ich bin überzeugt: Ohne Kommunikation (und Empathie) ist die Menschheit verloren. Das klingt groß für einen Artikel über Teamarbeit, aber ich glaube, dass es genau dort anfängt – im Kleinen, im Team, in der einzelnen Nachricht, die wir schreiben oder eben auch nicht schreiben. Wenn wir lernen, im Kleinen wieder besser miteinander zu reden und einander zuzuhören, ist das vielleicht mehr als nur gute Zusammenarbeit. Es ist eine Übung in puncto Menschlichkeit und trägt einen Teil zum gesamten Miteinander bei. Das glaube ich wirklich!

Ein kurzer Moment zur Selbstreflexion

Das Gute bei dem Ganzen: Kommunizieren kann man lernen. Und darum gibt es jetzt direkt eine kleine Übung.

Denkt an eine Situation aus eurem Arbeitsalltag zurück, in der ihr das Gefühl hattet, dass etwas falsch verstanden worden ist oder schief lief. Und fragt euch:

  1. Was ist tatsächlich passiert? Was wurde gesagt oder geschrieben, ohne persönliche Interpretation – ganz nüchtern und neutral.
  2. Was wurde daraus gemacht? War es der fehlende Kontext, der die Lücke gefüllt hat? Ein Ton, der hineingelesen wurde, der so vielleicht gar nicht gemeint war? An dieser Stelle trennt sich oft, was gesagt wurde, von dem, was man interpretiert hat. Es trennen sich Sach- und Beziehungsebene.
  3. Wie wurde damit umgegangen? Ist man noch einmal ins Gespräch gegangen – oder ist das Missverständnis einfach stehen geblieben, weil es unbequem war, es anzusprechen?

Und eine letzte Frage, die mich selbst oft begleitet: Gibt es etwas, das für euch völlig selbstverständlich ist, in der Zusammenarbeit, in der Kommunikation – das für andere womöglich gar nicht selbstverständlich ist? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Offenheit hier hilft. Offenheit schafft Vertrauen, das schafft Verbindung und bringt das Team dazu, gemeinsam mutiger und besser zu werden.

Was das für das Zielbild Selbstorganisation bedeutet

Selbstorganisation funktioniert nicht, weil alle automatisch wissen, was zu tun ist. Sie funktioniert, wenn Menschen bereit sind, wirklich miteinander in Verbindung zu gehen. Kommunikation ist kein „nice to have“, sondern die eigentliche Infrastruktur unserer Zusammenarbeit. Eine Nachricht mehr zu schreiben, statt Schweigen als Zustimmung zu deuten. Einmal nachzufragen, statt eine Vermutung stehen zu lassen. Das ist unbequem, kostet Zeit und Energie. Aber es ist die Grundlage für alles, was danach kommt.

Und am Ende stimmt das Sprichwort womöglich doch: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ – sofern Schweigen Zuhören bedeutet.

Wenn wir miteinander reden, lernen wir. Und wenn wir einander zuhören, lernen wir womöglich noch viel mehr. Probiert es mal aus.

Portrait von Beraterin Nicole Schütz

Brand & Corporate Communication | People & Culture

Post aus dem Ministerium für Möglichkeitsmanagement
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