Standortschließung vermeiden: „Alternativlos“ ist eine Entscheidung

Illustration: Wegweiser mit vielen Schildern in verschiedene Richtungen, davor vier Menschen, die nach oben schauen

Es gibt Wörter, die immer dann fallen, wenn es ernst wird. „Alternativlos“ ist so eines. Man hört es in der Politik, in Talkshows, am Esstisch mit der Familie. Und man hört es in Unternehmen – meistens dann, wenn es um viel geht. Um die Schließung eines Standorts. Um den Abbau von Arbeitsplätzen. Um die Frage, wie es überhaupt weitergeht.

Aber was sagt dieses Wort eigentlich aus? Dass es wirklich keine andere Möglichkeit gibt? Oder dass niemand mehr nach einer sucht? Und was macht es mit den Menschen, die es hören?

Ich glaube: Alternativlosigkeit gibt es nicht.

Eine Frage der Haltung

Ich bin überzeugt davon, dass wir Menschen grundsätzlich immer eine Wahl haben. Nicht immer eine bequeme. Nicht immer eine, die allen gefällt. Aber wir haben eine Wahl. Mir ist bewusst, dass man sich diesen Satz leisten können muss. Es gibt Menschen auf der Welt, denen Krieg, Armut oder Verfolgung kaum eine Wahl lassen. Doch umso wichtiger ist es, dass die, denen es gut geht, und besonders diejenigen, die große Verantwortung tragen, sich eingestehen, dass sie fast immer die Wahl haben.

Es gibt grundsätzlich nicht die eine Zukunft und nicht die eine Lösung dafür. Wäre das so, dürfte es theoretisch auch nur ein einziges Dogma geben – eine Wahrheit, einen Weg, eine richtige Antwort. Und das ist einfach nicht der Fall und wäre auch nicht erstrebenswert.

„Alternativlos“ beschreibt deshalb in meinen Augen nichts. Es beendet etwas. Es beendet ein Gespräch, bevor es überhaupt angefangen hat.

Unterschiedliche Meinungen aushalten

Wer schon mal bei einem Familienfest über Politik diskutiert hat, weiß, wie unterschiedlich Menschen dieselbe Sache sehen können. Wo Meinungen aufeinandertreffen, kann es ziemlich heftig werden. Das ist anstrengend. Manchmal schwer auszuhalten. Aber es ist wichtig.

Denn unterschiedliche Perspektiven sind keine Störfaktoren, sondern der Rohstoff für gute Entscheidungen.

Oft beobachte ich, dass Menschen aufhören zu diskutieren, wenn es unangenehm wird. Also genau in dem Moment, in dem etwas passieren könnte. Wenn Menschen plötzlich nicht mehr nur in ihrer eigenen Meinung feststecken, sondern anfangen, sich zu öffnen. Wenn sie merken: Ich habe eine Wahl. Ich kann das auch anders sehen.

Wer ständig auf der eigenen Meinung beharrt und sagt: „Es gibt keine Alternative“, bewirkt das Gegenteil. Der Satz impliziert, dass das Wissen und die Meinung anderer nicht relevant sind. Dass nur die eigene Sicht zählt. Und wohin es führt, wenn einige wenige alles für andere entscheiden, sehen wir aktuell leider zur Genüge auf der Welt.

Wer nicht im Raum sitzt, kann nicht mitdenken

Wie entstehen große Entscheidungen? Oft in einem kleinen Kreis, unter hohem Druck, mit dem Blick auf die Kosten. Das hat selten mit bösem Willen zu tun, sondern mit der Logik der Krise: Druck verengt den Blick.

Und natürlich können wir nicht alle gleichermaßen Verantwortung übernehmen. Am Ende muss jemand entscheiden und dafür geradestehen. Wer in einer Krise entscheiden muss, trägt eine enorme Last – Zeitdruck, Zahlen, die Verantwortung für andere Menschen. Da ist der Wunsch nach Klarheit mehr als verständlich. Aber entscheiden heißt nicht, allein denken zu müssen.

Zwar holen sich viele Geschäftsführungen auch gerne mal Beratungen ins Haus, um eben nicht allein denken zu müssen. Nur sitzt in diesem Entscheidungsraum dann eben niemand, der weiß, was das Team am Standort wirklich kann. Die Kollegin, die die Kundschaft seit zwanzig Jahren kennt. Der Kollege, der schon lange eine Idee für ein neues Geschäftsfeld im Kopf hat, aber noch nie ernsthaft gefragt wurde. Auch wir sind eine Beratung von außen, aber durch IGNITE holen wir das Team mit an den Tisch, nicht nur die Entscheider:innen.

Die Alternativen fehlen also nicht, weil es keine gibt. Sie fehlen, weil man sie alleine oft nicht sehen kann.

Am Ende wird die Entscheidung verkündet – warum reines Verkünden in solchen Momenten nicht reicht, ist ein Thema für sich. Das Team erstarrt. Es wartet ab, zieht sich zurück, macht Dienst nach Vorschrift. Und die, die woanders sofort einen Job finden, gehen zuerst. Ausgerechnet die Menschen, die das Unternehmen durch die Krise tragen könnten.

Klar, Führung in der Krise sieht anders aus als im Normalbetrieb. Der Reflex, in schwierigen Zeiten wieder allein zu entscheiden, ist menschlich. Aber er blockiert genau die Ideen und die Tatkraft, die man jetzt am dringendsten bräuchte.

Die Macht der Gemeinschaft

In der Politik erleben wir es immer wieder: Entscheidungen werden über die Köpfe derer hinweg getroffen, die sie betreffen. Was dann folgt, sind Misstrauen, Widerstand, Rückzug. Im Unternehmen ist das nicht anders. Eine Entscheidung, die niemand versteht, trägt auch niemand mit.

Umgekehrt gilt aber genauso: Wer Menschen mitnimmt, bekommt etwas, das sich mit keinem Budget kaufen lässt – Rückendeckung. Ein Team, das den Weg mitgegangen ist, steht auch hinter schwierigen Entscheidungen. Es bleibt, es packt an, es denkt weiter. Genau darin liegt eine Kraft, die eine Organisation in der Krise wirklich zusammenhält.

Selbst wenn am Ende herauskommt, dass ein Stellenabbau der einzig gangbare Weg ist, haben die Menschen den Prozess dorthin miterlebt und mitgestaltet. Das macht einen riesigen Unterschied – für die, die gehen, und erst recht für die, die bleiben.

Wobei ich ehrlich sagen muss: Ich glaube nicht, dass Stellenabbau jemals die beste Lösung ist. Erst recht nicht, wenn man früh genug anfängt, sich zukunftssicher aufzustellen. Nicht nur in kurzfristigen Problemlösungen zu denken, sondern verschiedene Zukünfte zuzulassen und Ideen für diese Szenarien zu entwickeln. Also eine Creating Organisation zu sein, die nicht nur reagiert, sondern den Markt proaktiv mitgestaltet.

Die bessere Lösung liegt selten auf der Hand

Das Wort „Alternative“ hat einen Haken: Es klingt gerne mal nach Plan B. Nach der zweiten Wahl, die man nimmt, wenn die eigentliche Lösung nicht klappt. Dabei ist es oft genau umgekehrt. Die Lösung, die zuerst auf dem Tisch liegt, ist meistens nur die naheliegendste. Nicht die beste.

Stellenabbau und Standortschließung wirken schnell, einfach und günstig. Die Zahlen sehen im nächsten Quartal besser aus. Was in dieser Rechnung selten auftaucht: das Wissen, das mit den Menschen geht. Die Kundenbeziehungen, die über Jahre gewachsen sind. Die Motivation derer, die bleiben. Und die Kosten, wenn der Markt wieder anzieht und genau diese Kompetenzen fehlen. Wer heute Fachwissen abbaut, kauft es morgen teuer wieder ein – wenn er es überhaupt findet.

Andere Wege sind deshalb kein Kompromiss, sondern oft das bessere Geschäft. Sie sind nachhaltiger, weil sie auf dem aufbauen, was schon da ist. Und sie sind langfristiger, weil sie nicht nur die nächste Bilanz retten, sondern das Unternehmen für die Zukunft aufstellen.

Die gute Nachricht: Solche Wege lassen sich finden. Und zwar meistens dort, wo man zuletzt nachschaut – im eigenen Haus. Dass die Antworten auf eine Krise oft längst im Team schlummern, erleben wir bei Ministry immer wieder. Betriebsräte haben sogar ein verbrieftes Recht, eigene Ideen zur Beschäftigungssicherung einzubringen.

Ein Beispiel, das mich besonders beeindruckt hat, ist die IAV. In Berlin galt die Schließung des Standorts als alternativlos. Der Betriebsrat der IAV Berlin hat sich entschieden, nicht nur dagegenzuhalten, sondern mit einem Pionierteam aus der eigenen Belegschaft mehrere sehr konkrete Geschäftsmodell-Ansätze zu entwickeln, die auf den vorhandenen Kernkompetenzen des Teams aufbauen. Parallel wurde zwischen der IAV-Geschäftsführung, IG Metall und dem IAV-Betriebsrat ein Zukunftstarifvertrag geschlossen – mit einer Beschäftigungssicherung bis 2028.

Eine Einladung an alle, die entscheiden

Ob Geschäftsführung, Führungskräfte oder Entscheider:innen, alle, die in einem Unternehmen Verantwortung tragen, lade ich ein, das Wort „alternativlos“ aus dem eigenen Wortschatz zu streichen. Wie wäre es beim nächsten Mal hiermit?

  • Holt die Menschen an den Tisch, bevor die Entscheidung fällt. Nicht erst, wenn es nur noch etwas zu verkünden gibt. Wer früh fragt, bekommt Ideen. Wer spät fragt, bekommt Widerstand.
  • Rechnet ehrlich und langfristig. Stellt dem schnellen Sparen gegenüber, was es wirklich kostet: Wissen, Vertrauen, Zukunftsfähigkeit.
  • Traut eurem Team mehr zu. Die Menschen, die täglich im Betrieb stecken, kennen Antworten, die in keiner Tabelle stehen. Gebt ihnen einen Rahmen und lasst euch überraschen.

Alternativlos ist selten eine Tatsache. Meistens ist es die Entscheidung, nicht weiterzusuchen.

Aber Achtung: Wahlmöglichkeiten haben ein Verfallsdatum. Wer zu lange wartet, dem wird die Wahl irgendwann tatsächlich abgenommen. Deshalb lohnt es sich, früh hinzuschauen, früh zu fragen, früh mitzudenken.

Und jetzt ihr: Welche Entscheidung liegt gerade auf eurem Tisch – und habt ihr wirklich schon alle Möglichkeiten gesehen?

Portrait von Beraterin Nicole Schütz
Geschrieben von

Brand & Corporate Communication | People & Culture

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