„Haben wir alles schon ausprobiert.“ Ach was.

Illustration: Ein Mann sucht mit der Lupe den Boden ab, neben ihm steht ein Teleskop unter dem Sternenhimmel

Es gibt einen Satz, bei dem ich sofort hochgehe: „Haben wir alles schon ausprobiert. Hat nicht geklappt.“ Ich höre ihn in meinen Mandaten, in Gesprächen mit Unternehmern, und in der Presse lese ich seine Verwandten. Kahlschlag und Sparprogramme ohne Perspektive, und alle Beteiligten tun so, als hätte man ja nichts anderes machen können. Dabei fehlt in all diesen Sätzen vor allem eins: der Mut zur Innovation.

Ideen gibt es genug

Und ja, es stimmt sogar ein Stück weit. Natürlich gibt es Innovationsprozesse. Natürlich sind da in den letzten Jahren auch Ideen entstanden. Nur kommt danach immer dasselbe: hätte sich nicht getragen, unrealistisch, dafür gibt es keinen Markt.

Und wenn man dann genau hinsieht, steckt fast immer etwas anderes dahinter: Mutlosigkeit, die Fixierung auf das alte Geschäftsmodell und die vorhandenen Kunden, und der fehlende Drive, einfach mal zu machen.

Ich sehe das so: Eine Idee wird in vielen Unternehmen nicht daran gemessen, was sie werden könnte, sondern daran, ob sie zum Bestehenden passt. Zum bisherigen Geschäft, zu den bisherigen Kunden, zu den bisherigen Margen. Eine Idee, die da nicht reinpasst, hat von vornherein verloren. Dabei passt Neues per Definition nicht ins Alte. Wer so prüft, filtert genau das heraus, wonach er eigentlich suchen sollte.

Management im Gestern

Was mich zusätzlich ärgert: Wie viel Management sich in Frust, Regularien und im Gestern eingerichtet hat. Prozesse, die niemand mehr hinterfragt, und Abstimmungsrunden, in denen es nicht darum geht, etwas zu bewegen, sondern darum, nicht aufzufallen. Mein Kollege Wolf fragt in einem seiner Artikel, was passiert, wenn Prozesse wichtiger sind als der eigene Verstand. Ich fürchte, wir wissen es alle.

Und dann ist da diese Haltung, die ich in Gesprächen immer wieder spüre: Hauptsache, mir kann keiner was. Save my ass. Entscheidungen werden nicht danach getroffen, was möglich wäre, sondern danach, wofür man später nicht geradestehen muss. Das ist menschlich, aber es ist der sicherste Weg, nichts mehr zu bewegen.

Streichen oder bauen

Wer nur kürzt, hat die entscheidende Frage nicht gestellt. „Was können wir streichen?“ ist schnell beantwortet. „Was könnten wir bauen?“ dauert länger und tut mehr weh, weil man dafür etwas riskieren muss. Ich sehe Konzerne, die vergessen haben, wo sie herkommen und wie Innovation und „Made in Germany“ einmal funktioniert haben. Irgendjemand hat dieses Land mal mit Dingen bekannt gemacht, die es vorher nicht gab. Das war kein Ergebnis von Kostenrunden.

Ich habe schon einmal darüber geschrieben, wie wir Entwicklungen nicht kommen sehen wollen. Das Muster wiederholt sich: Der Kopf im Sand ist bequem, solange der Boden noch trägt.

Mut zur Innovation: Wo sind die Geschichten?

Ich warte jeden Tag darauf, irgendwo zu lesen: Unternehmer XY hat das mal ganz anders angepackt und macht jetzt dies und das. „Es war nahezu aussichtslos, aber heute baut das Unternehmen …“ Ich finde diesen Artikel nicht. Jedenfalls nicht oft genug und nicht laut genug.

Vielleicht liegt es daran, dass solche Geschichten erst im Rückblick erzählt werden. Wer etwas Neues anfängt, hat zu Beginn keinen Erfolg vorzuweisen. Nur eine Idee, ein paar Leute und die Bereitschaft, sich blamieren zu können. Das steht nicht in der Zeitung. Noch nicht.

Dann schreibt ihn doch selbst

Wenn ihr in einem Unternehmen arbeitet, in dem gerade jemand „Haben wir alles schon ausprobiert“ sagt: Fragt nach, was genau. Wann, mit wem, mit welchem Mut. Und probiert es noch einmal, anders. Wenn ihr dafür einen Raum und ein paar Verbündete braucht: Dafür haben wir bei Ministry IGNITE gebaut. Ich lese den Artikel dann gern.

Porträt von Marco Luschnat
Geschrieben von

Berater & Coach für Innovation und Co-Creation

Schreibt hier über kreative Prozesse, Zusammenarbeit und die Umsetzung neuer Ideen in Organisationen.

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