Neulich stand ich an der Saugstation der lokalen Waschanlage und habe mein Auto für den baldigen Verkauf hergerichtet. Neben mir wurde mit großer Hingabe gewischt, gesaugt und poliert. Mein erster Gedanke war wenig schmeichelhaft: Die sind doch alle ein bisschen närrisch auf ihr Auto. Mein zweiter Gedanke war noch schlimmer: So bin ICH ja zum Glück nicht!
Allerdings: Ich hing ja selbst gerade mit dem Saugrohr zwischen den Sitzen. Von außen betrachtet war ich also Teil dieser „Narren-Truppe“. Ups.
Ich habe dann angefangen, genauer hinzugucken: Da war ein älteres Paar, das gemeinsam ein Taxi reinigte. Vielleicht gehört ihnen ein kleines Taxiunternehmen, und ein sauberes Auto ist für sie Berufsstolz. Ein paar Plätze weiter räumte eine junge Familie ihr Auto aus. Möglicherweise waren sie kurz vor Antritt ihres lang ersehnten Urlaubs.
Mit jedem Blick wurde mein Urteil weicher, und am Ende stand ich ziemlich gerührt da, weil sich hier lauter Menschen mit ihrer ganz eigenen Geschichte offensichtlich um etwas kümmerten, das ihnen wichtig ist.
Es ist doch wirklich erstaunlich, in welcher Geschwindigkeit mein Urteil gefallen ist. Oft machen wir uns gar nicht bewusst, dass wir schon nach wenigen Sekunden eine vollständige Erklärung für das Verhalten fremder Menschen haben.
Künstliche Dummheit: viel wissen und trotzdem zweifeln
Die Sozialforschung hält für den Gegenentwurf ein – wie ich finde – hübsches Konzept bereit: Die künstliche Dummheit. Gemeint ist eine Haltung, bei der ich zwar auf mein vorhandenes Wissen über eine Situation zurückgreife, aber die Gültigkeit dieses Wissens bewusst hinterfrage. Wer „künstlich dumm“ ist, weiß viel und rechnet trotzdem damit, dass die Welt auch ganz anders sein könnte. Oder kürzer: Glaube nicht alles, was du denkst.
Warum schnelle Urteile im Unternehmen so verführerisch sind
Im Unternehmenskontext ist das besonders schwer. Führungskräfte und ihre Teams bestehen in der Regel aus lauter erfahrenen Leuten, die mit einem großen Erfahrungsschatz gesegnet sind. Das produziert natürlich zwangsläufig schnelle Urteile am laufenden Band. Hirnphysiologisch hat das auch einen guten Grund, denn schnelles Entscheiden und in Schubladen einsortieren spart unserem Kopf Energie. Manchmal lohnt es sich jedoch, genauer hinzuschauen und den mühsamen (Denk-)Weg zu gehen.
„Der Vertrieb zieht beim neuen Prozess nicht mit.“ Solche Sätze klingen nach unverrückbarer Wahrheit, entpuppen sich aber bei genauerem Hinsehen als Verallgemeinerungen oder bloße Spekulationen. Ziehen wirklich ALLE nicht mit? Immer, zu jeder Zeit? Ist dem Team der Prozess überhaupt schon gänzlich klar? Wir wissen eben oft gar nicht so ganz genau, warum es beispielsweise im Vertriebsteam gerade an Motivation mangelt.
Solange niemand genauer hinschaut und all die Zuschreibungen und Spekulationen als solche entlarvt und prüft, entscheidet eine Organisation auf Grundlage von Geschichten, die sie sich selbst ständig neu erzählt. Wir sollten selbstverständlich nicht ständig all diese Narrative hinterfragen, aber wenn es hakt, kann sich ein differenzierter Blick lohnen.
Das Tetralemma: fünf Räume im Kopf
Damit das Denken sich wieder verflüssigt und wir uns langsam lösen von zu schnellen Urteilen, können fünf unterschiedliche räumliche Positionen helfen. Ich stelle sie mir vor wie verschiedene Räume im Kopf.
Diese Positionen sind angelehnt an das sogenannte Tetralemma, ein Modell, das vor allem in Entscheidungsprozessen zum Einsatz kommt. Wir gehen bewusst durch fünf Räume:
Das Eine: Die Leute sind närrisch auf ihre Autos.
Das Andere: Das Auto ist ein Gebrauchsgegenstand, der ab und zu sauber sein darf/muss.
Beides: Es gibt eine Liebe zum Auto und gleichzeitig herrscht nüchterner Pragmatismus.
Keines von beiden: Hier tauchen Erklärungen auf, an die ich vorher nicht gedacht hatte: Autoputzen für eine Stunde zu zweit am Samstag oder als kleines Ritual vor dem Urlaub.
Die fünfte Position lautet: Nichts von alledem, und selbst das nicht. An der Saugstation hieß das für mich, dass mein Urteil vor allem etwas über mich erzählt hat. Zum Beispiel über meinen Wunsch, mich abzugrenzen.
Mit dem Vertrieb funktioniert das genauso. Vielleicht will er nicht, vielleicht will er und kann aber nicht, weil der Prozess komplett am Alltag vorbeigeht, eventuell ist beides gleichermaßen wahr, und möglicherweise beschäftigt die Menschen eine Frage, die bisher niemand gestellt hat. Die fünfte Position fragt auch, was es über die Führungsrunde sagt, dass sie diese Erklärung so bereitwillig glaubt.
Das Tetralemma selbst ausprobieren
Ihr steht selbst vor einer kniffligen Situation, in der ihr euren Kopf mal lüften und euer Denken „verflüssigen“ wollt? Nehmt euch die vermeintliche Wahrheit, die euch als gesetzt scheint, und geht alleine oder in einer kleinen Gruppe in rund 15 bis 20 Minuten durch die fünf Positionen. Ihr werdet merken, wie viel von dem, was ihr für Wissen gehalten habt, eine gut eingeübte Annahme war.
Viel Erfolg dabei und denkt immer dran: Autos müssen sauber sein. Oder etwa nicht?
Bleibt neugierig!
Euer Wolf